Sonntag, 14. Juni 2009
Leichen im Untergeschoss?
Ein kurzes Fazit zu den Bemühungen um unsere erste Projektskizze.
Als wir 2007 unsere ersten Überlegungen zur Nachnutzung eines Fussgängertunnels in Wuppertal-Elberfeld anstellten, waren wir, was die Aussichten einer tatsächlichen Umsetzung betraf, nicht unbedingt mit grossem Optimismus an die Ausarbeitung eines Nutzungskonzeptes gegangen. Zu zwiespältig waren die zuvor, u.A. mit temporären Vorhaben wie den “Club-Nomad”-Projekten, gemachten Erfahrungen, die ergebnisoffene Herangehensweisen städtischer Stellen an - hier im wahrsten Sinne des Wortes - subkulturelle urbane Projekte erfordert hätten.
Während der Arbeit an den theoretischen Hintergründen und der intensiven Beschäftigung mit der wenig beachteten Problematik schrumpfender Städte - im speziellen Fall Wuppertals - wuchs jedoch unsere Überzeugung, dass kommunalen Verwaltungen und Planungsbüros im Zeichen eines langsamen Verschwindens der Stadt in Zukunft keine andere Wahl mehr bleiben wird, als weite Freiräume für kulturelle Aktivitäten der Städter zuzugestehen, und sicherlich dabei auch einen inhaltlichen und organisatorischen Verlust an eigener Kompetenz hinzunehmen. Bei den Akteuren der ersten Planungsphase wuchs die Erkenntnis, dass, angesichts gedeckelter kommunaler Finanzhaushalte und weiter rückläufiger städtischer Einnahmen, Aufgaben und Zielsetzungen kommunaler Gestaltung völlig neudefiniert und zugeordnet werden müssen, wenn überhaupt noch eine kulturelle und urbane Entwicklung in schrumpfenden Städten wie Wuppertal stattfinden soll.
Von Beginn an war uns daher klar, dass TUNN:EL–Projekte abseits ewiger Abnutzungs-Verteilungskämpfe um rapide versiegende öffentliche Mittel konzipiert werden müssen, wenn neben einer maximalen Inhaltlichen Unabhängigkeit auch eine Unterstützung seitens der städtischen Verwaltung erreicht werden soll. Von unserer Seite aus wurden deshalb zu keinem Zeitpunkt der Konzeptionierung eines Experimental-Labors am Alten Markt in Wuppertal-Barmen und der Diskussion mit kommunalen Stellen, (Chronologie), die Inanspruchnahme öffentlicher Fördermittel ins Gespräch gebracht. Das war eine Haltung, die, wie wir im Verlauf der Verhandlungen mit Verwaltungsstellen erfahren mussten, in kommunale Handlungs-Schemata nicht richtig hineinzupassen scheint. Zeitweise entstand der Eindruck, dass in den Büros der Wuppertaler Rathäuser eine Initiative, die keinerlei öffentliche Förderung erhält oder beantragt, nicht ernstgenommen wird.
Dennoch schienen die ersten Gespräche über ein Kulturprojekt im aufgegebenen Fussgängertunnel unter dem Robert-Daum-Platz in Elberfeld, die noch mit der seinerzeitigen Kulturdezernentin Drewermann geführt wurden, einen guten und ergebnisoffenen Verlauf zu nehmen, was im Ergebnis dazu führte, dass uns Ende 2007 - nachdem sich eine Realisierung unserer Ideen am Robert-Daum-Platz aufgrund bereits feststehender Planungen als nicht durchführbar erwiesen hatte - durch das Kulturressort der Stadt vorgeschlagen wurde, ähnliche Räumlichkeiten an anderem Ort und unter Berücksichtigung der Inhalte unserer Ideenskizze auf eine mögliche kulturelle Nachnutzung hin zu überprüfen.
Die ähnlichen Räumlichkeiten waren die ehemalige unterirdische Ladenpassagen und Strassenunterquerungen am Alten Markt im Stadtzentrum Wuppertal-Barmens.
Obwohl die Ausdehnung und der Standort der Anlage eine direkte Übertragung unserer konzeptionellen Überlegungen zur Nutzung eines wesentlichen kleineren Fussgängertunnels im Zentrum der Stadt völlig unmöglich machte, begannen wir in der Folge, an einer Nutzungskonzeption für die alte Ladenpassage zu arbeiten, die wir schliesslich im Februar des nächsten Jahres im Ressort Kultur der Stadt Wuppertal vorstellten.
Abgesehen von einer zwischenzeitlich - nach Weggang von Frau Drewermann - nicht neu besetzten Stelle eines Kulturdezernenten der Stadt - was zweifellos eine Schwächung des Kulturdezernates im Gesamtgefüge der städtischen Verwaltung bedeutete - schien nach Aussagen städtischer Mitarbeiter die weitere Unterstützung der Idee durch das Kulturbüro der Stadt gesichert. Mit einem, dem üblichen Klischee entsprechenden, langen zeitlichen Hub wurden verschiedenen Personen der Verwaltung die Konzepte vorgestellt, es wurden Gespräche geführt, Besichtigungen durchgeführt und zunächst auch runde Tische mit allen, für ein solches Vorhaben massgeblichen Stellen, mit uns vereinbart.
Anfang 2008 war unsere grosse Skepsis daher zunehmend einem leichten Optimismus gewichen. Deshalb waren u.A. auch schon Gespräche mit - für die Anschubfinanzierung eines solchen Projektes notwendigen - freien Partnern geführt worden.
Ende Mai 2008 - ein halbes Jahr, nachdem wir eingeladen worden waren, die stillgelegte Passagenanlage in Wuppertal Barmen zu besichtigen - mussten wir jedoch feststellen, dass die in unserer Projektskizze entwickelten Gedankenspiele zu einer - mithilfe einer aktivierten Kulturszene - erreichbaren Revitalisierung eines gefährdeten Stadtteilzentrums Wuppertal-Barmen in einem völlig
leeren Resonanzraum stattgefunden hatten.
Sobald die Vorschläge, eine Nachnutzung stillgelegter urbaner Räumlichkeiten im Zentrum Wuppertal-Barmens zu versuchen, die Zuständigkeit des Kulturbüros verlassen hatten und anstatt auf einen runden Tisch auf das Bauamt der Stadt Wuppertal stiessen, verblieben sie nicht nur weitgehend ungelesen, sondern trafen auch auf eine unmittelbare Ablehnung, die keinen weiteren Raum für die Entwicklung von möglichen Lösungen baulicher Probleme im Objekt zuliess. Aus der eigentlich zugesagten Kooperation zur Erstellung eines realistischen Nachnutzungs-Konzeptes, wurde eine unangemessenen Rolle eines von vornherein abgelehnten Antragstellers ohne Antrag.
(Wer mag, kann hierzu den dokumentierten Briefwechsel mit Kulturbüro, bzw. Bauamt zur Kenntnis nehmen, und die dort angeführten Inhalte und Einwände mit dem dokumentierten Konzept eines Experimental-Labors am Alten Markt vergleichen.)
Erschütternd war für uns nicht, dass unser Konzept für die alte unterirdische Fussgängeranlage nicht realisiert werden konnte. Zuviele Unwägbarkeiten waren in dieser Skizze eines Konzeptes noch enthalten gewesen. Erschütternd war für uns vielmehr die Erkenntnis, dass abseits einzelner Mitarbeiter der Verwaltung keinerlei Bewusstsein für die speziellen kulturellen und sozialen Herausforderungen eines urbanen Schrumpfungsprozesses in der Wuppertaler Stadtverwaltung zu existieren scheint. Erschütternd war der sehr geringe Grad der Identifikation der Mitarbeiter des Bauamtes mit der Stadt, die immerhin ihre monatlichen Gehälter bezahlt, erschütternd war der Eindruck, dass wahre Gründe für die kategorische Ablehnung jeglicher Aktivität im begutachteten Objekt uns gegenüber offensichtlich nicht kommuniziert wurden. Die spätere, offene Weigerung, gemeinsame Lösungsansätze für aufgeworfene Probleme zu entwickeln, und mehrere, während unseres Gespräches mit dem Bauamt gefallene Bemerkungen, legten stattdessen den Gedanken nahe, dass in der alten Passage am Alten Markt buchstäblich Leichen im Keller liegen, die durch eine zu intensiven Beschäftigung mit unserem Konzept nicht ans Tageslicht gezerrt werden sollten.
Dabei könnte es sich um bisher unbekannte Absprachen mit dem Metrokonzern - als Betreiber des früheren Kaufhofs und heutigen SATURN-Marktes - handeln, bei denen die in unsere Konzeption eingebundene, nachträglich in die alte Tunnelanlage eingebaute unterirdische Entfluchtung eine Rolle spielt, oder schlicht um die Tatsache, dass der sehr umstrittene Bunkerbau eines Fastfood-Tempels an der Alter Markt-Südseite vor wenigen Jahren nicht nur eine der gespenstischsten städtebaulichen Katastrophen der letzten Jahre ist, sondern wohl auch ein für alle Mal jegliche Nutzung der gut erschlossenen unterirdischen 2.500qm mitten in Barmens Innenstadt verhindert.
Was wiederum die Frage aufwerfen würde, warum die Stadt um die Genehmigung jenes ästhetischen Desasters eines fensterlosen Bunkers an so prominenter Stelle wie der Barmer Innenstadt nicht herum kam, wenn der doch für die weiter zu unterhaltenden städtischen Flächen und Räume im Untergeschoss der Stadt eine derart vernichtende Konsequenz hatte. Man müsste dann darüber sprechen, dass wohl vor langer Zeit versäumt wurde, vernünftige Verträge mit der Firma STRÖER über öffentliche Werbeflächen in der Stadt abzuschliessen, und dass seitdem die städtische Not mit der öffentlichen Notdurft gross ist, weil, anders als in vielen anderen Städten, in Wuppertal niemand dazu verpflichtet ist, für den Unterhalt entspechender Räume aufzukommmen. Es müssten dann auch Rechnungen angestellt werden, ob die Entscheidung, eine endgültige Verschrottung werthaltiger - und dauerhaft weiter zu unterhaltender - innenstädtischer Flächen hinzunehmen, solange nur der Betreiber des genehmigten Schnellrestaurants die Kosten einer öffentlichen Toilette am Alten Markt übernimmt, eine gut durchdachte Massnahme gewesen ist.
Stellt man aber diese Fragen, befindet man sich mittendrin in der kommunalen Politik, die nicht nur nicht über Vorstellungen verfügt, wie ein schrumpfendes Wuppertal revitalisiert werden könnte, sondern auch keinerlei Handlungsrahmen erkennen lässt, wie über eine sehr kurzfristige Verwaltung der Krise hinaus, und jenseits von bereits gescheiterten Modellen der Stadtentwicklung, strukturell agiert werden kann.
Seit einem Jahr ruht nun die Projektskizze einer Schaffung von Möglichkeitsräumen in Barmen in unserer Schublade, im Bauamt ist man auf das Konzept noch immer nicht gut zu sprechen, wie man munkelt. Von den zugesagten Listen anderer ungenutzter städtischer Räume und Flächen gab es keine Spur. Nichts deutet also darauf hin, dass ein Umdenken in der lokalen Politik oder der kommunalen Verwaltung stattgefunden hätte, auch wenn die tatsächlichen Entwicklungen der städtischen Finanzen und der Strukturen Wuppertals die, von uns im Kapitel Hintergründe urbanen Schrumpfens dargestellten Szenarien des kommunalen Schreckens sogar noch übertroffen haben. Seit einem Jahr hat sich unsere Aktivität deshalb von der Entwicklung konkreter Konzepte hin zu einer Ebene verschoben, auf der wir zunächst versuchen wollen, Probleme urbanen Schrumpfens bewusst zu machen, und Ansätze für kreative Lösungen jenseits ewiggleicher Investorenfixiertheit vorzustellen.
Die nachfolgende fast vollständige öffentliche Dokumentation der TUNN:EL-Projektskizze für ein transurbanes Experimental-Labor in der unterirdischen Fussgängeranlage am Alten Markt in Wuppertal-Barmen, ist ein Teil dieser veränderten Strategie von TUNN:EL. Ein anderer ist das TUNN:EL-Netzlabor.
Weitere werden folgen.
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